Silke Mohrhoff, Sich Sammeln

von André Dombrowski,
Assistant Professor, University of Pennsylvania
März 2013

Silke Mohrhoff ist Bildhauerin, obwohl Bilder bei ihr selten “gehauen” werden. Steinmeisseln oder Metallgiessen sind für sie viel zu traditionelle Macharten der Skulptur. Ihre Objekte kommen viel eher dem Holzarbeiten gleich, oder dem Gipsmodellieren, und gewinnen diesen so prosaisch anmutenden Tätigkeiten, die ja sonst oft etwas Grobes und Unbeholfenes haben, eine neue Poetik und sogar Würde ab. Dennoch ist sie nicht Installateurin, schafft keine Installationen, deren Gebilde ganz in der Ausstellung aufgehen und so schnell wieder verschwinden, wie sie entstanden sind. Silke Mohrhoffs Skulpturen nehmen ganz willentlich die Schnittstelle zwischen Objekt und Situation ein: Sie schafft konkrete Objekte, die bestehen bleiben und sogar manchmal auf’s Podest gestellt werden, die aber gleichzeitig von einer bestechenden Leichtigkeit, Fragilität und Vergänglichkeit zeugen, und somit immer auch auf ein prekäres, fast wunderhaftes Dasein verweisen. Mohrhoff schafft daher meisst kleinere Formate—Objekte, die oft gut in der Hand liegen, bevor man sie wieder abstellt, und die nie zu schwer zum Heben sind.

Silke Mohrhoff sammelt, damit fängt alles an, aber selbst das Wort umschreibt nur einen Teil ihres komplexen Vorhabens. Sie stellt die Welt neu zusammen, kombiniert die unmöglichsten Materialien und verbindet verschiedenste Dinge (von gestern und heute), um durch solche, oft überraschenden Gegenüberstellungen den Dingen, der Geschichte und dem Alltag gleichermassen neue Bedeutungen abzugewinnen. Das, was sie sammelt, kann beides künstlich und natürlich sein, da macht sie keinen grossen Unterschied. So geht sie auf der einen Seite mit offenen Augen durch den Alltag (was hier Flohmarkt, Kramladen, Dachboden oder Keller heissen will) und richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Dinge, die sich dort versammelt und vermehrt haben, die oft früher gang und gebe waren, aber jetzt niemand mehr möchte. Auf der anderen Seite ist sie auch oft draussen anzutreffen, wo ihr Blick oftmals auf die interessanten Merkwürdigkeiten und skurrilen Formbildungen der Natur fällt, auf Äste, Holzstücke, Zapfen, Blätter oder Runkeln, denen die Natur etwas Einmaliges verliehen hat.

All dies wird in Silke Mohrhoffs Atelier versammelt und ausgebreitet, studiert und betrachtet. Sie informiert sich über ehemalige Alltagspraktiken, an die sich heute kaum noch jemand erinnert. Dabei fällt es dem Betrachter von Mohrhoffs Objekten schnell auf, dass das was sie sammelt oft handgemacht ist, oder mit den traditionell-weiblichen Handarbeiten zu tun hat, wie Häkeln zum Beispiel. Damit, woran so viele andere Künstler derzeit die Geschichte an sich zu fassen glauben—anhand obsoleter Technik und deren Apparaten (alten Telefone, Schreibmaschinen, Fax-Geräte und dergleichen)—hält sich Mohrhoff erst gar nicht auf. Zu unpersönlich, würde sie wohl einräumen. Sie konzentriert sich eher auf solche Dinge und Materialien, in den oftmals unsere intimsten und persönlichsten Erinnerungen erweckt werden: Sachen aus der Kindheit, Spielzeug, Puppen, Fotos, Taschentücher mit Monogrammen und so weiter. Es interessieren sie die Dinge des Alltags, in denen sich das Ich schlechthin konkretisiert, das Selbst sich am ehesten wiedererkennt, wenn es in der eigenen Vergangenheit schwelgt.

Hierzu lassen sich viele Beispiele in Mohrhoffs Praxis anführen: Sie lässt Porträtaufnahmen auf alten weissen Taschentüchern schweben, als hätte sich das Gesicht, da sich mit ihnen mal die Nase abgeputzt hat, dort für immer mit eingebügelt, ähnlich dem Schweisstuch der heiligen Veronika. Eine ihrer ersten Arbeiten waren Reihen von Runkeln, die immer schöner und skurriler wurden, je länger sie einfach nur in der Ausstellungshalle herumstanden, stumme Zeugen einer natürlichen Zeit und eines natürlichen Vergehens, die sich in die Mitte des so zeitlosen Museums eingenistet hatten. Mohrhoff schnitzt aus Holzblöcken junge Mädchen in duftigen und leichten Sommerkleidern, die ihrer hölzernen Natur trotzen und voller Leben und Momenthaftigkeit stecken. Sie füllt alte Schachteln mit allerlei merkwürdigen Dingen und Beschriftungen, als entstünde hier ein Archiv, von dem keiner ganz genau weiss, was es genau archiviert oder wessen Leben es summieren soll. “Ilsedore” ist die Person—ein Name, der selbst mit historischer und romantischer Patina überzogen scheint—die diese kleinen Sammlungen beleuchten sollen, aber ausser dem was die Schachteln selbst mitsichbringen, erfahren wir nichts über Ilsedore selbst. Sie geht gänzlich in den Materialien und Dingen auf, die ihr mal gehört zu haben scheinen.

Jüngstens hat Silke Mohrhoff eine Serie von Superhelden angefangen, kleine figürliche Skulpturen, oftmals ungeschlechtlich, die sich merkwürdig tarnen oder gar blind und deformiert sind und absurde Waffen mit sich schleppen: kleine Plastik-Dinosaurier als Waffen zum Beispiel. An diesen Arbeiten ist Mohrhoffs sensible Umgangsart mit Dingen und Materialien vielleicht am deutlichsten nachvollziehbar: Hier werden Ton und Gips mit typischem Kleinkram der heutigen Konsumkultur vermischt, so dass Handarbeit, Kunst und Spielzeug alle neue Bedeutungen gewinnen und alle gleichermassen die Möglichkeit haben, kulturelle Typen und Vorbilder zu schaffen.

Mohrhoff ist also keinesfalls ein neuer Duchamp. Bei ihr wird zwar auch vieles den Dingen und dem Material selbst überlassen, aber durch ihre neuen und überraschenden Kombinationen werden die alltäglichen Bedeutungen der Materialien auch schnell überschritten, wenn nicht gar überwunden. Wie gesagt fasziniert sie ohnehin Dinge und Materialien mit Geschichte, die benutzt worden sind, etwas veraltet oder vergilbt sind. Skulptur als Kategorie ist daher bei ihr nie ausserhalb der Geschichte anzutreffen, sondern mittendrin, direkt am Geschichtsprozess aktiv teilnehmend. Es scheint fast so, als hätte die Umwelt und die Geschichte bei ihren Skulpturen schon eine gewisse und spannende Vorarbeit für sie (und uns) geleistet.

In diesem Sinne ist Mohrhoffs Skulptur eindeutig an zentralen Kulturprozessen interessiert, wenn nicht gar beteiligt. Wie im Alltag selbst, zeichnet sie in ihren Werken nach, wie sich kulturelle Typen und Vorbilder herausbilden, welche Rolle Fabelwesen, Traumgestalten und die Fantasie schlechthin spielen, wenn wir von unserer persönlichen Kollektiv-Geschichte berichten. Dabei werden beim Betrachter viele Schichten der Interpretation eröffnet: Geschlechterproblematiken werden immer wieder thematisiert, da manchmal Mann und Frau ganz eindeutig, fast überzogen, vor uns stehen, manchmal aber auch Objekte, bei denen wir nur ahnen können, um welches Geschlecht es sich handeln soll. Selbstverständlich durchdringt Mohrhoffs Werk eine starke, obwohl oft nur indirekte, Kultur- und Konsumkritik. Bei ihr wird vieles erstmal wiederverwertet bevor es neu gekauft wird. Dies will aber nicht heissen, dass Silke Mohrhoffs Objekte von gestern sind. Ganz im Gegenteil. Sie zeigen uns, wieviel sorgfältiger und fantasievoller wir mit dem Alten, dem Gestern, im Heute umgehen könnten.

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 Schläfer

Silke Mohrhoffs Schläfer sind magische Figuren, die die Menschen in ihren Bann ziehen und auf unterschiedlichsten Ebenen berühren: Traumgeburten, die mit überraschender Selbstverständlichkeit vor dem Betrachter schlafen und durch ihre ausdrucksstarken Gesichter eine ungewohnte Präsenz beanspruchen.

Zum einen fühlt man sich ihnen hingezogen, möchte sie beschützen und sie in ihrem Schlaf nicht stören. Zum anderen aber stoßen sie aufgrund ihrer hyperrealen Körperlichkeit auch oft ab, machen mitunter sogar Angst. Die Schläfer selbst scheint dieser Zwiespalt aber überhaupt nicht zu stören. Sie ruhen in ihren Behausungen oder Haarhüllen und werden durch ihre fast wie Kleidung wirkenden Umschnürungen gleichsam geschützt wie gefesselt.

Sind sie wach oder schlafen sie? Leben sie noch oder sind sie bereits gestorben? Steht der Betrachter einem Traum oder der Realität gegenüber?

Aufgrund ihrer Größe, der zarten Gesichter und der Tiefe ihrer Behausungen muss man etwas näher an die Schläfer herantreten, um sie genau betrachten zu können. Man betritt somit einen anderen Raum, eine intime, andere Welt, und erfährt eine neue Nähe zum Objekt. Aber ist es schon ihre Welt oder noch die des Betrachters? Und um was für eine Welt handelt es sich überhaupt? Leben die Schläfer in der Gegenwart oder in der Vergangenheit, in den Erinnerungen?

Eine solche Zwischenwelt wird durch die Schläfer sichtbar und spürbar, in einem Zwischenaugenblick des Betrachtens.

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Robert Wilhelm H.

“…und manchmal verstrickt in den Widerspruch zwischen persönlichem Bedürfnis und gesellschaftlicher Norm – verdichtet in dem stilisierten Wohnzimmer, dessen offensive Spießigkeit nur Täuschung ist, denn die wie zufällig arrangierten Fotoalben entpuppen sich als sorgsam geführte Sammlung softpornografischer Abbildungen muskulöser Männer, während die liebevoll bestickten Kissen bei genauem Hinsehen die ganze Brutalität der Verfolgung schwuler Männer im Zeichen des Paragraphen 175 dokumentieren….”

Zitat aus der Eröffnungsrede: “Frauen sehen Männer” 2014 in Bremerhaven
von Michael Frost, Kulturdezernent Bremerhaven.

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Text zum Katalog

die sonne sinkt”

Über die Schläfer von Silke Mohrhoff
August 2016

Frank Laukötter

Was ist das, der Mensch? Eine Marionette, schrieb Platon. Eine Maschine, La Mettrie. Ein nicht festgestelltes Tier, Nietzsche. Eine zufällige Produktion der Evolution, Darwin. Eine Hausbewohnerin oder ein Hausbewohner, die oder der nicht über ihr oder sein Haus regiert, Freud. Eine zerbrochene Puppe, mit Augen, die ins Innere gefallen sind, Cioran, einen Geisteskranken ins Feld führend, dessen Introspektion schwerer wöge als alle Bücher über Introspektion. Was ist das, der Mensch?

Diese Frage zu beantworten, schrieben Vertreterinnen und Vertreter dieser und jener Disziplin Texte um Texte, und Künstlerinnen und Künstler schufen Bilder um Bilder des Menschen. Letztere immer, fast immer mit der Wiedergabe von offenen Augen, denn ihr hauptsächlicher Sinn ist ihr Sehsinn. Siehe Leonardos Mona Lisa, seine Proportionsstudie nach Vitruv oder sein Johannes der Täufer. In der Kunst gibt es, so scheint es, einen impliziten Imperativ. Was von uns angeblickt wird, das blickt uns an.

Schläfer wie die von Silke Mohrhoff sind da eine seltene Ausnahme. Ihre Augenpaare sind geschlossen. Wie vermutlich die des Träumenden in Goyas Der Traum der Vernunft gebiert Monster. Wie die der Frau in Füsslis Nachtmahr. Oder wie die des Mannes in Fritschs Mann und Maus. Die Schläfer, die von uns angeblickt werden, sie blicken uns nicht an. Ihre Augenpaare öffnen uns kein Seelenfenster in sie hinein. Was sie sehen, das sehen wir in sie hinein. Empathie. Sie beseelen uns, wir beseelen sie.

Weil wir aus lauter Ichs bestehen, wird das nicht deckungsgleich sein. Was der Verfasser schreibt, ist das, was der Verfasser schreibt. Die Leserinnen und Leser mögen sich ihren Teil denken, womöglich vollkommen deckungsungleich.

Eine jüngere, weibliche Figur schläft (Abb. 1). Eine ältere, männliche Figur auch (Abb. 8). Sie ruht in einem Stuhl, im Hintergrund ist ein Fenster zu sehen, Blaus, Gelbs und Grüns sowie ein paar Sonnenflecken leuchten auf. Er ruht in einem hölzernen Kästchen, das wie ein Schrein von goldfarbenen Metall eingefasst ist. Sie und er sind eingehüllt in einen Kokon aus Fäden. Der Kokon ist eine wärmende Hülle, ein Schutzmantel, ein Zeichen für die Verpuppung bzw. die Verwandlung vom hellwachen Bewusstsein tagsüber zum wachen Unterbewusstsein nachtsüber. Träumen sie? Was träumen sie?

„Wenn wir wachen, so haben wir eine gemeinschaftliche Welt; schlafen wir aber, so hat ein jeder seine eigene.“ (Kant)

Träumen sie? Was träumen sie? Diese spekulative Empathie ist dem Faktum geschuldet, dass die Figuren so veristisch wirken, echt, lebensecht, echter als lebensecht.

Eine solche Auffassung von Skulptur hat eine lange Geschichte (Meister IPS, Ramos, Susini), die in Vergessenheit geriet (Winkelmann), die aber in den letzten Jahren und Jahrzehnten wiederentdeckt worden ist (de Andrea, Duchamp, Hanson, McCarthy, Mueck). Ein Schlüsselwerk in der Kunsthistorik, den Verismus zu rehabilitieren, war Petite danseuse de 14 ans von Degas von 1881. Sie war modelliert in Wachs und sie trug, um den Effekt der Lebensechtheit zu erhöhen, ein Tutu aus echtem Stoff.

In diese Geschichte gehören die veristischen Figuren von Mohrhoff. Degas ist, was nicht nur die Form und das Material, sondern auch das Format betrifft, eine eigene Bezugsgröße. Seine kleine Tänzerin ist unterlebensgroß, 98 cm groß. Die Figuren von Mohrhoff sind ebenso unterlebensgroß. Ja, sie sind noch kleiner, um ein Zehntel kleiner. Sie misst 9,5 cm, er 9 cm. Umso kleiner, umso verletzlicher.

Sie sind kleiner als ein Neugeborenes. Embryonen. Sie als eine Heranwachsende, er als ein Alternder.

Was für sie und für ihn gilt, das gilt, von kleineren Abweichungen im Format abgesehen, auch für die anderen Schläfer und auch für die Darstellungen der Venus (Abb. 4/5) mit ihren geschlossenen Augen. Ausnahmen sind u. a. M. R. und C. G. (Abb. 12. und 15). Beide Werke sind mit 52 und 70 cm Höhe zum einen wesentlich größer als die beiden beschrieben Schläfer, wenngleich ebenso unterlebensgroß, und sie sind zum anderen in den Augenpartien auf andere Art wiedergegeben. Die Augen von M. R. sind offen, im Verhältnis zum Gesicht überaus groß, hoch- statt querformatig und schwarz, die Augen sind kolossale ovale Pupillen. Bei C. G. hingegen ist die Physiognomie abstrahiert. Mund, Nase, linkes und rechtes Auge sind an-, nicht aber durchmodelliert. Stattdessen liegt ein Blutschwamm auf dem Gesicht. Das Blutrot ist auch auf der Hasenkapuze zu sehen, auf dem Oberkörper und dem Sockel mit den fehlenden Füßen. M. R. und C. G. haben keine Arme. Die Figuren sind fragmentiert. Auch die beschriebenen Schläfer sind fragmentiert. Der Verismus der Plastiken von Mohrhoff ist ein gebrochener Verismus. Die Verletzlichkeit ihrer Bilder des Menschen ist ein Zeichen für die Verletzlichkeit des Menschen.

Für Freud war der Mensch, Frau und Mann, eine Hausbewohnerin oder ein Hausbewohner, die oder der nicht über ihr oder sein Haus regiert. Eine Menge Figuren der Künstlerin sind in Gehäusen situiert. Mal um Mal sind diese Gehäuse die Kokons um die Kokons von Fäden um die Figuren herum. Sie sind einerseits eine Schutzhülle, andererseits ein Gefängnis. Wer wacht, ist wehrhaft. Wer träumt, ist wehrlos, gefangen in den Träumen.

„die Sonne sinkt“, ist der Titel dieses Katalog, ein Zitat aus einer von Nietzsches Dionysos-Dithyramben, „gen Abend geht’s“, die Schläfer vom Mohrhoff gehen schlafen. Sie träumen. Ihre Nachtträume sind unsere Tagträume über ihre Nachtträume. Nietzsche schrieb Also sprach Zarathustra. Die letzten Zeilen dieses Werkes sind, dass er, Zarathustra, „seine Höhle [verliess], glühend und stark, wie eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.“ Diese Höhle ist die Platonische Höhle. Lässt sie sich, wie von Nietzsche gewünscht, verlassen? Oder lässt sie sich nicht verlassen? Wie beantworten die Figuren von Mohrhoff diese Frage?